Criscene vol. 01
Es hat nur zwei Folgen "noch kein Substack" gebraucht, um hier endlich meinen Newsletter über Clubkultur zu starten
Hallo zusammen,
ich fühle mich ein wenig wie Carrie Bradshaw, wie ich hier am Montagabend auf meinem Laptop tippe. Nachdem ich die vergangenen Monate eher - um mal beim TV-Vergleich zu bleiben - Emily in Paris-mäßig in die Kamera geredet habe, fühlt sich das überraschend gut an. Zurück zu meinen Ursprüngen als tumblr-Bloggerin.
Vorweg: Das hier ist ein work-in-progress. Ich hab mir ein paar Kategorien ausgedacht, und als Entwicklerin journalistischer Formate, die ich in der Vergangenheit war, hätte ich das groß testen müssen. Wenn ich so arbeiten würde, wie bei einem Artikel, würde den Text noch jemand gegenlesen. Aber das hier ist ein informeller, experimentellerer Raum, es wird sich verändern und es soll Spaß machen. Seht es eher wie einen Blog als wie einen Text in der Zeitung - letzteres ist ein Standard, den ich hier nicht halten kann und auch nicht will, ich werd’ ja schließlich nicht dafür bezahlt.
Los geht’s!
News & Gedanken
SchwuZ schließt
Traurige Neuigkeiten zu Beginn: Das SchwuZ in Berlin macht zu. Berlins ältester queerer Club hatte Ende Juli Insolvenz angemeldet. Eine Insolvenz kann ja auch eine Chance sein, es wurden wohl Gespräche mit Investor:innen geführt, „doch am Ende hat es nicht gereicht.“, schrieb der Club in seinem Statement auf Instagram. Die Abschlussparty ist diesen Samstag, am 1. November. Schon krass: Da gehen 47 Jahre queere Geschichte einfach mit nur einer Woche Vorlauf vorbei.
Die Gründe für das Ende sind natürlich komplex: Die Geschäftsführung nannte in einem Interview mit dem Tagesspiegel die Pandemie, ein verändertes Ausgehverhalten der Gäst:innen, die Inflation. Das Personal war in den vergangenen Jahren aufgestockt worden, was nun wohl nicht mehr zu finanzieren war. Und es wurde wohl auch zu spät der Ernst der Lage erkannt, so war zumindest in genanntem Interview rauszuhören. Ähnliches spüren viele Clubs. Das macht es nicht weniger krass.
Da hat das Kollektiv Steinzeit Alter bald einen neuen Namen auf der Liste an Clubs, für die sie Grabsteine machen können…
Steinzeit Alter
Ich habe das Kollektiv mit der Kamera für den Tagesspiegel dabei begleitet, als sie für das Rosi’s einen Grabstein hinterließen. Der Club schloss 2018 und lag grob zwischen Ostkreuz und Warschauer Straße, hinter’m RAW-Gelände. Er hat, genauer gesagt, keinen Grabstein, sondern eine Grablaterne bekommen, drin ist der Club, komplett mit Schlange und Menschen, die auf der Bank tanzen. Super detailliert und beeindruckend. Leider war er nach weniger als einem Tag entfernt worden.
Bei der Aktion dabei waren fünf der Kollektivmitglieder. Alles Berliner, schätzungsweise Mitte 20 bis Anfang 30. Super sympathisch. Für sie ist mit den Clubs in den letzten Jahren ein Stück des Berlins verschwunden, mit dem sie aufgewachsen sind: Niedrigschwellige Clubs, wo man mal spontan chillig hin kann, wo Leute aus Spandau, Grunewald oder Tempelhof zusammen feiern.
Eine Perspektive, die ich komplett nachvollziehen kann, der ich aber im Gespräch etwas Positives entgegenzuhalten versuchte: Es entstehen ja neue Spaces, nur eben am Randbezirk. Ich war grade am Wochenende davor im backsteinboot in Spandau gewesen, geile Party wieder (auch wenn Ben UFO nicht so geil aufgelegt hat wie dort letzten Sommer). Daraufhin meinte einer von Steinzeit Alter im Spaß, bis er in Spandau ist, ist er schon zwei Mal in der Bahn eingeschlafen.
Ich verstehe seinen Punkt: Wenn du nicht unbedingt hinwillst oder den Partybesuch schon länger geplant hast, nimmst du den Weg nicht auf dich. Damit fallen schonmal einige Leute weg. Plus dazu die Kosten, dass Eintrittspreise in der Höhe 20-30 Euro heute Standard sind. Das schließt noch mehr aus. Und ich sehe leider kaum, wie beide Entwicklungen zurückzudrehen sind.
Dezentralisierung des Nachtlebens & Kollektive
Dass diese Dezentralisierung des Nachtlebens auch mit dem Trend hin zu mehr Kollektivpartys (im Gegensatz zu von Clubs kuratierten Nächten) zusammenhängen könnte, ist mir aufgefallen, als die Groove Anja Schneider und mich zu unserer Arbeit in den Tag der Clubkultur-Jurys interviewt hat. Wenn alle Clubs nebeneinander sind, gehste halt von einem zum nächsten, wenn du nicht reinkommst oder clubhoppen willst. Da reicht es, wenn der Club ein ungefähres Profil hat, das du kennst. Aber wenn du 50 Minuten in den Randbezirk fährst, muss das schon für was Konkretes sein. Und bei einem Kollektiv weißt du eben recht konkret, was du da kriegst, weil die “Marke” viel schärfer ist als bei einem Club. Was sie bei einem Club auch gar nicht sein kann, bei Betrieb von Donnerstag bis Sonntag muss ja Platz für verschiedene Konzepte bleiben.
Gehört
(Musik, die ich in letzter Zeit gehört habe)
Cece Natalie: letzte Woche entdeckt und ihr Album erstmal zweimal durchgehört. 2010-mäßiger Pop à la Crystal Castles, Lady Gaga und Britney Spears trifft auf eine bedroom-producer-hafte Rotzigkeit (so zeitgenössisch Indie Sleaze Speckman vibes). zT dark aber auch sehr selbstbewusst.
Gesehen
(etwas, das ich in letzter Zeit gesehen hab)
Das Musikvideo zu Rosalías neuer Single “Berghain”. Außer dem Titel check ich nicht ganz was die Berghain-Referenz dazu ist, ist wohl auch egal. Die wenigen, die das Video noch nicht gesehen haben: Schaut es euch an, es ist ein Gesamtkunstwerk. Björk ist darauf das ideale Feature für den außerweltlichen, hoffnungsvollen Teil, Yves Tumor für den erdigen, verzweifelten - beides zutiefst dramatisch. Was sind das allein für krasse Gäste.
Das Video von Rosalía ist jetzt kein Geheimtipp, dieses Interview mit mir im Berlin Booth-Podcast schon, hehe, gibt’s auf Streamingplattformen, aber auch zu sehen bei YouTube.
Gefeiert
(was oder wo ich in letzter Zeit gefeiert hab)
Avalon Emerson in der Panorama Bar bei ihrer eigenen Party “9000 Dreams”. Ich glaube, zu Beginn ihres Sets klebte ich anderthalb Stunden am Stück auf der Tanzfläche. Pure Freude und Spaß, von Disco-Vibes bis Acid und einen avalon-emerson-esken Remix von “Teenage Dirtbag”.
Gesnackt
Haben nach Bacon und nicht nach Döner geschmeckt. 4/10.
Selbstpromo
(Eigenlob stinkt)
Kommendes Wochenende fahre ich für die “Trial & Error”-Konferenz nach Hannover, weil ich dort was moderiere: Ein Panel mit Bennet, Valley Dolly, Tine JPLA und Benjamin Grudzinski. Es geht um Clubs und subkulturelle Spaces, wie politisch sie sein können und wie wichtig sie heutzutage noch fürs Connecten und Politisieren junger Menschen sind. Ich freu mich sehr darauf, weil alle vier unterschiedliche Perspektiven aus der Praxis auf das Thema mitbringen. Danach lege ich dort noch auf (Samstagabend) und darf für Valley Dolly Opening machen (sie ist Resident im Bassiani, bzw. im Horoom, dem housigeren Floor des Clubs).
Vergangene Woche hat mich der wunderbare Newsletter Reading Room nach einigen Buchempfehlungen gefragt. Auch nach Büchern zu Clubkultur (z.B. schonmal von Strobo gehört?):
Damit Tschüss. Diese erste Ausgabe ist etwas länger als beabsichtigt geworden. Nächstes Mal wird’s kürzer! Ich freue mich, wenn ihr den Newsletter abonniert und/oder mir auf Instagram folgt.




